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Tropfen

Das Geräusch der Regentropfen, wenn sie die Fensterscheibe treffen, erinnert ein wenig an das Zerplatzen der kleinen Luftpolster von Verpackungsmaterial. Als Kind hat das immer Spaß gemacht. Heute fehlt das Kinderlachen. Aber ist ja auch Regen und kein Verpackungsmaterial. Faszinierend ist er trotzdem. Kleine Tropfen auf der Scheibe, die plötzlich runterrinnen wenn sie zu schwer werden. Aus unerfindlichen Gründen an einer anderen Tropfe hängen bleiben, nur um dann nach kurzer Zeit wieder zu schwer zu werden und sich wieder auf den Weg zu machen. So unerfindlich sind die Gründe dafür bestimmt gar nicht; Sie kennt sie nur nicht.
Sie denkt an Verpackungsmaterial. An Weihnachten. Da hat sie eine Kamera geschenkt bekommen, und die war in Verpackungsmaterial eingewickelt, dass sich beim Zerplatzen anhört wie Regen an der Scheibe. Aber da war sie schon groß und hatte keine Freude mehr an dem kleinen knallen. Aber an der Kamera. Prioritäten verschieben sich wenn man groß wird. Wobei sie nicht wirklich groß ist, das beweist die Tatsache, dass sie sich bequem in der Badewanne in Standardgröße lang machen kann. Von da kann sie auch die Regentropfen beobachten, die die Fensterscheibe herunter laufen. Aber nur schwach. Sie hat Kerzen angemacht, die schon halb nieder gebrannt sind. Das Wasser wird langsam kühler. Jetzt könnte er auch reinsteigen in die Wanne, er sagt nämlich immer, dass sie ihn verbrühen will, wenn sie Wasser für beide einlässt.
Aber er ist ja nicht da. Eigentlich war er schon lange nicht da, und sie hat vor einiger Zeit angefangen zu denken, dass er wohl auch nicht wieder kommen wird. Der Gedanken hat sich langsam, unbemerkt eingeschlichen, sich gemächlich eingenistet, bis er ganz eingezogen ist. Richtig gelebt hat sie mit dem Gedanken aber noch nicht nicht. Er war einfach nur da. Wie die Spinne an der Zimmerdecke, die einfach da ist und ignoriert werden kann, bis sie eine gewisse Grenze überschritten hat und dann Handlungsfähigkeit abverlangt. Und dann ist es zu spät; für die Spinne und für sie.
Die Grenze wurde eben überschritten. Ganz unerwartet. Plötzlich war sie nicht mehr in der rechten Zimmerecke sondern in Höhe des weißen Lampions, den sie bei Ikea gekauft hatten und der Gedanken war nicht mehr nur da, sondern präsent. Mit aller Härte und Wucht und lähmend blitzartig da. Gefühlt. „Die Spinne oder ich“ dachte sie.
Das Badwasser lief.
Als sie den ersten Fuß reinsetzte kribbelte ihre ganze Haut und der Schmerz des heißen Wassers war so stark, dass sie dem Impuls, zurückzuschrecken nur schwer widerstehen konnte. Das was sie zurückhielt war die Tatsache, dass sie wusste, dass man sich an den Schmerz gewöhnt und das zu heiße Wasser nach kurzer Zeit angenehm sein würde. Sie wartete einen Moment bis dieser Effekt eintrat und stieg langsam in das heiße Wasser. Der Schmerz verging, aber auch nicht.
Das Wasser wird kühler und die Kerzen fast nur noch Stummel, an denen dicke Wachstropfen herunterrinnen. Der Regen fällt noch immer gegen die Scheibe, aber er erinnert nicht mehr an Verpackungsmaterial, sondern eher an einen tropfenden Wasserhahn. Aus dem Wohnzimmer hört sie Musik. Velvet Underground. Heroin.
Er erzählte ihr einmal, dass der Rhythmus des Liedes dem Herzschlag entspricht, den man hat und fühlt, wenn man Heroin geraucht hat. Sie empfand das immer als bedrückend. Ihr Herzschlag verschmilzt mit dem Rhythmus, bis sie kaum noch unterscheiden kann, was Musik und was Herz ist. Aber es ist heute kein unangenehmes Gefühl, eher losgelöst. „Komisch“ denkt sie, „ich habe doch gar kein Heroin geraucht“.
Die erste Kerze erlischt und die verbleibende Kerze taucht den Raum in eine Dämmerung, die fast Dunkelheit zu nennen ist. Sie kann den Regen nicht mehr sehen, nur noch das leise klopfen hören. Sie schließt die Augen und das Wasser wird schnell noch kühler. Sie verharrt einige Minuten mit geschlossenen Augen und spürt, wie müde und schwer sie wird. Als sie die Augen, kurz vor dem einschlafen öffnet, sieht sie im letzten aufflackernden Schein der Kerze die Spinne, die den Weg zu ihr ins Bad gefunden hat, und spürt, dass das klopfen nicht die Regentropfen sind, die an die Scheibe treffen, sondern das Blut, dass langsam aus ihrem Handgelenk auf die Badezimmerfliesen tropft. Dann erlischt die letzte Kerze. Dunkel.



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